Wo ist das Haus Gottes?

Hartmut Ising

Mit dem Begriff „Haus Gottes" verbinden unsere Mitmenschen verschiedene Vorstellungen; die meisten werden sicherlich an irgendwelche Sakralbauten denken. Einige werden sich auch an die Worte des Apostels Paulus erinnern (1 Tim 3,15): „...damit du weißt, wie man sich verhalten muss im Hause Gottes, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit".

Jakob in Bethel

Im AT begegnet uns der Begriff „Haus Gottes" zum ersten Mal in 1 M 28, 17, als Jakob Gott gelobte, in Bethel (Haus Gottes) ein Haus Gottes zu errichten. Später wurde er nach gefährlichen Irrwegen von Gott nach Bethel geschickt (1 M 35,1). Aber bevor Gott ihm den Segen Abrahams geben konnte und er zur Anbetung Gottes würdig wurde, mußten die fremden Götter aus seinem Haus verschwinden. Diese Vorbedingung gilt auch heute. Achten wir darauf, es geht nicht nur um unsere persönliche Stellung vor Gott sondern auch um die unseres Hauses (vgl.1 Tim 3,4-5 u.12).

Gott wählt den Ort der Anbetung

Später wurde das Zelt der Zusammenkunft „Haus Gottes" genannt (Ri 18,31). Auch David bezeichnete das Zelt, das er für die Bundeslade in Jerusalem errichtet hatte, als Haus des HERRN (2 Sam 6,17 u.12,20 vgl. auch Ps 23,6). Gott segnete David ganz außerordentlich, weil er das Anliegen hatte, Gott ein Haus zu bauen (2 Sam 7,1-16). Aber der Ort für dieses Haus war noch nicht von Gott offenbart worden (5 M 12,4-5). Erst nach einem schweren Gericht über Israel erkannte David, welchen Ort Gott für Sein Haus ausgewählt hatte und wagte fortan nicht mehr, an einem anderen Ort Gottes Angesicht zu suchen (1 Chr 21,28-22,1 vgl. auch 5 M 12,8-14). Nun hatte Gott Sein Volk zu der verheißenen Ruhe geführt und ließ die in 5 M 12 gegebene Anordnung in Kraft treten. David, der Mann nach Gottes Herzen, hielt sich bis an sein Lebensende an diese Anordnung.

Gottesdienst im Tempel und auf den Höhen

Sein Sohn Salomo liebte den HERRN (1 Kön 3,3); jedoch begann er seinen Gottesdienst an einem Ort, den Gott nicht erwählt hatte. Und Gott war so gütig, dass er trotzdem an diesem Ort zu Salomo im Traum sprach. Es war ja auch ein Ort mit bester Tradition, die Höhe Gibeon mit der Stiftshütte und dem Brandopferalter. David selbst hatte dort regelmäßige Gottesdienste eingerichtet. Ist es deshalb verwunderlich, dass sein Sohn dort den HERRN suchte? Er war nicht vom Schrecken über das Schwert des HERRN erfasst, wie sein Vater David. Allerdings hatte David offenbar diesen Gottesdienst aus der Übergangszeit auf der Höhe Gibeon nicht abgeschafft, nachdem Gott den Ort Seiner Wahl offenbart hatte. In Israel wucherte dann der Höhendienst neben dem wahren Gottesdienst im Haus Gottes in Jerusalem. Erst kurz vor der Babylonischen Gefangenschaft machte König Josia mit diesem eigenwilligen Gottesdienst auf den Höhen Schluss (2 Kö 23,4-20 u.25).

Anbetung Gottes in neutestamentlicher Zeit

Was können wir aus diesen Geschichten lernen? Wir wissen, dass die Zeit gekommen ist, wo Gott nicht mehr an irgendwelchen „heiligen Stätten" angebetet wird. Gott sucht statt dessen wahre Anbeter, die IHN in Geist und Wahrheit anbeten. Was hat das aber mit dem „Haus Gottes" zu tun? Wo ist heute Gottes Haus?

Wir haben uns am Anfang an 1 Tim 3, 15 erinnert, wo die Gemeinde als Haus Gottes bezeichnet wird. Ist Gottes Haus überall da,

Zur Beantwortung dieser Fragen kann uns die Lektion über die Höhe Gibeon und den Berg Morija (1 Kön 3,3-4 u.2 Chr 3,1) wertvolle Hilfe leisten. Wenn also „Gottes Haus" nicht so weitreichend definiert werden kann, was ist dann mit „Gottes Haus" gemeint? Ich meine, die richtige Definition wird durch den Begriff selbst klar gegeben.

Die Frage der Autorität

Wir brauchen uns nur zu überlegen, was es bedeutet, wenn wir vom „Haus des Herrn X." sprechen. Es ist klar, dass Herr X. dort Hausherr ist. Wenn nun jemand in sein Haus kommt und dort tut, was er will, dann begeht er Hausfriedensbruch. Was tut Gott, wenn Menschen in Seinem Haus tun, was sie wollen? Vergleichen wir Joh 2,16 mit Mt 23, 38. Zu Beginn Seiner öffentlichen Tätigkeit bezeichnete unser Herr Jesus den Tempel in Jerusalem als das Haus Seines Vaters; am Ende dagegen, als die religiösen Führer ihren Eigenwillen durchsetzten, nennt er es „euer Haus". Es gibt also die Möglichkeit, dass Gott sich aus Seinem Haus zurückzieht und es Menschen überlässt, die sich nicht von Seinem Willen leiten lassen wollen.

Israel und Juda hatten nicht aus der eigenen Geschichte gelernt. Der HERR hatte Juda gewarnt:Geht doch hin zu meiner Stätte in Silo, wo ich zuerst meinen Namen wohnen ließ, und seht, wie ich mit ihr verfahren bin wegen der Bosheit meines Volkes Israel! (Jer 7,12). Aber Juda verließ sich auf Lügenworte und behauptete, Gott könne Jerusalem nicht dem Gericht übergeben, da dort ja der Tempel des HERRN stand (Jer 7,4). Deshalb fragte der HERR durch Jeremia:Ist denn dieses Haus, das nach meinem Namen genannt ist, in euren Augen zu einer Räuberhöhle geworden? (Jer 7,11). Danach kündigte er das Gericht auch über dieses Haus an:Und nun, weil ihr alle diese Freveltaten verübt habt, spricht der HERR, ... will ich auch mit dem Hause, das nach meinem Namen genannt ist und darauf ihr euch verlasset, mit dem Orte, den ich euch und euren Vätern gegeben habe, so verfahren, wie ich mit Silo verfahren bin;(Jer 7,13-14). Einige Zeit später spricht dann der HERR: Ich habe mein Haus verlassen, mein Erbe verstoßen; ich habe den Liebling meiner Seele in die Hand seiner Feinde gegeben(Jer 12,7).Man spürt diesen Worten an, wie schwer es dem HERRN wurde, den Liebling seiner Seele dem Gericht zu übergeben. Im letzten Kapitel des Buches Jeremia wird dann die Vollstreckung des Gerichts an Jerusalem und dem Tempel berichtet (Jer 52,13).

Gott ändert auch in neutestamentlicher Zeit nicht die Prinzipien seines Handelns. Die Gemeinde ist jetzt der Tempel Gottes (2.Kor 6,16) – auch die Gemeinde in Laodizea. Aber zu der Zeit des Senschreibens war diese Gemeinde gerichtsreif. Der Herr stand als Richter außerhalb der Gemeinde und war bereit, sie auszuspeien (Off 3,16). Gleichzeitig mit der Gerichtsandrohung an die Gemeinde steht der Herr Jesus aber vor der Tür des einzelnen (nur äußerlichen?) Gemeindemitgliedes und bittet um Einlass (Off 3,20). Gibt es Parallelen dazu auch in der Kirchengeschichte?

Denken wir an die Reformationszeit. Luther fand durch Gottes Güte zurück zur Gerechtigkeit aus Glauben. Er verstand, dass sich die Menschen nicht mit „guten Werken" eine Platz im Himmel erkaufen können, sondern dass sie mit dem Blut Jesu Christi aus der Sklaverei Satans freigekauft wurden. Diese Erlösung wird durch persönlichen Glauben für den einzelnen Menschen rechtskräftig, denn Gott zwingt keinen Menschen, Seine Erlösung anzunehmen. Luther erkannte auch, dass die Menschen, die diese Erlösung im Glauben angenommen hatten, nun auch so als Gemeinde zusammenkommen sollten, dass Gott in allem die Autorität hat (vgl. seine Vorrede zur Deutschen Messe). Später verwarf er diesen Gedanken als undurchführbare Utopie und unterstellte die junge evangelische Kirche der Autorität der evangelischen Landesherren. Gotteskinder, die diese weltliche Autorität in der Gemeinde nicht akzeptierten, wurden auf Luthers Rat hin des Landes verwiesen. Zur gleichen Zeit wandelte sich Luther von einem Freund Israels zum Begründer des Antisemitismus innerhalb der evangelischen Kirche. Und Gott überließ diese Organisation den Menschen, die „Kraft ihres Amtes" die Autorität beanspruchten.

Mit Hitlers Machtergreifung begann auch das Ringen um die „Gleichschaltung" der christlichen Kreise. Der NS-Staat beanspruchte die Autorität in der Gemeinde Gottes und verbot 1937 die „Christliche Versammlung". Nach einiger Zeit handelte Dr. Becker und andere Brüder mit NS-Behörden einen Kompromiss aus, der es gestattete, die früheren Glieder der „Christlichen Versammlung" unter den Bedingungen der Gestapo nach straffem Führerprinzip und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des NS-Staates neu zu organisieren. Wer hatte in dieser Organisation (BfC) die Autorität? War diese Organisation bzw. die einzelnen Gemeinden „Haus Gottes"? Gab es nach 1945 eine wahrhaftige, konsequente Umkehr von diesem falschen Weg? Mir wurde von echter Umkehr einzelner Gemeinden berichtet. Geschwister, die zur „alten Versammlung" zurückgingen, haben dagegen in der Regel eine radikale Umkehr von dem Kompromissweg während der NS-Zeit vollzogen.

Wäre es dann für mich nicht konsequent, ebenfalls zur „alten Versammlung" zu gehen? Um diese Frage zu beantworten, muss geklärt werden, ob dort die Autorität Gottes respektiert wird. Hierbei geht es mir nicht um einzelne Fälle, wo die alte menschliche Natur Gottes Willen widersteht. Das kommt - leider - in allen Gemeinden vor und muss uns immer wieder neu zur Umkehr führen. Für mich ist entscheidend, ob in einer Gemeinde Regeln oder Vorschriften allgemein anerkannt und durchgeführt werden, die mit Gottes Autorität in Konflikt stehen. So etwas gibt es leider auch in der „alten Versammlung".

Es ist mehrfach vorgekommen, dass Gotteskinder zu unrecht von Versammlungen ausgeschlossen wurden. Solch ein Ausschluss wurde dann jahrelang von allen anderen Versammlungen dieses „circle of fellowship" praktisch befolgt, obwohl in mindestens einem speziellen Fall fast alle anderen Versammlungen von der Unrechtmäßigkeit des Ausschlusses überzeugt waren und sind. Auf diese Weise wird durch ein von Menschen eingeführtes Formalgesetz die Autorität Gottes in Seinem Hause mißachtet - genau wie vor knapp 2000 Jahren bei den Pharisäern (vgl. Mk 7,8-13).

Neben der formalistischen Anerkennung auch von ungerechtfertigten Ausschlüssen gibt es leider noch andere Beispiele dafür, dass in der „alten Versammlung" menschliche Vorschriften mit Gottes Autorität in Konflikt stehen, so z.B. bei der Frage der Anerkennung neuer Versammlungen. Auf diesem Flügel des Spektrums christlicher Gemeinden wurde aus der Bemühung, die Einheit des Leibes Christi zu wahren, in der praktischen Ausführung Gott die Autorität in seinem Hause streitig gemacht. Es ist mir vom Gewissen her unmöglich, mich solchen Menschengeboten zu beugen.

Auf dem anderen Flügel des Spektrums christlicher Gemeinden herrschen andere Missstände. Hier werden z.B. Aussagen der Bibel als Mythen betrachtet (eine von den Sadduzäern her bekannte Denkweise, vgl. Apg 23,8) und klare Anweisungen Gottes für das Verhalten in Seinem Haus außer Kraft gesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Ordination von Frauen (vgl. 1 Kor 14,34-35 u. 1 Tim 2,12-14). Vertretern dieses Flügels erscheinen Bedenken gegen die Frauenordination als Haarspalterei. Für sie ist ein geschlossenes Erscheinungsbild der Christen vor der Welt das wesentliche Leitmotiv. Dieses Leitmotiv ist sicherlich gut, aber der Zweck heiligt nicht die Mittel! Kann man von Christen solcher Prägung erwarten, dass sie für andere Verständnis haben, deren Hauptanliegen die Autorität Gottes in Seinem Haus ist? Können diese Christen verstehen, dass es mir unter solchen Bedingungen kaum möglich ist, Gott in Geist und Wahrheit anzubeten?

Die Ordnungen der Väter

Vielleicht kann unser Beispiel von David und Salomo dieses Verständnis fördern. David war durch das Erlebnis von Gottes Gericht und Gnade so tief erschüttert, dass er nicht einmal wagte, vor den nach Gottes Angaben gebauten Altar zu treten, um Gott zu opfern, wie es Israel Jahrhunderte lang nach Gottes Willen getan hatte. Sein Erlebnis mit dem heiligen und erbarmenden Gott bestimmte bis zu seinem Lebensende seinen Gottesdienst.

Salomo hatte noch keine ähnliche Erfahrung mit Gott gemacht. Aber er „liebte den Herrn, so dass er in den Ordnungen seines Vaters lebte" (1 Kön 3,3).Dazu gehörte auch der von seinem Vater eingeführte Gottesdienst auf der Höhe Gibeon. Salomo richtete sich also danach, wie sein Vater früher einmal den Willen Gottes verstanden hatte und baute anschließend an dem Ort nach Gottes Wahl den Tempel. Ein Studium von 5 M 12 hätte ihn vor dieser Zweigleisigkeit bewahren können, nicht aber die Orientierung an der Tradition, die sein Vater eingeführt hatte. Deshalb sollten wir – trotz aller Hochachtung vor den Glaubenstaten von Gottesmännern wie Luther, Darby und anderen – unsere Entscheidungen in der Gemeinde allein an Gottes Wort ausrichten. Dabei muss unsere Gottesfurcht so dominieren, dass Menschenfurcht völlig gegenstandslos wird. Anderenfalls besteht die ernste Gefahr, dass Kompromisswege die Autorität Gottes infrage stellen.

Vermeidung von menschlichem Streit

Zwischen Vertretern der oben dargestellten entgegengesetzten Flügel kam es in der Vergangenheit leider oft zu Spannungen und Streit - zur Unehre Gottes. Wie kann dies in Zukunft vermieden werden?

Zwei oder drei Christen wollen sich im Namen Jesu Christi versammeln. Was bedeutet das praktisch? Wir wollen uns das an einem Beispiel aus dem Arbeitsleben verdeutlichen. Wenn ein Untergebener im Namen seines Chefs einen Brief schreiben soll, so wird zuerst ein Entwurf zur Genehmigung vorgelegt. Der Chef streicht alles an, was nach Form und Inhalt nicht seinem Wunsch entspricht. Nur wer seinen Chef sehr gut kennt, wird schon beim ersten Entwurf volle Zustimmung finden.

Auf den geistlichen Bereich übertragen zeigt uns dieses Beispiel, dass wir uns nur dann wirklich im Namen unseres Herrn Jesus versammeln können, wenn wir Ihn sehr gut kennen; dann ist Er in unserer Mitte, und wir handeln in voller Übereinstimmung mit Seinem Willen. Es wird kaum jemand behaupten, dass diese wunderbare Übereinstimmung mit Seinem Willen heute die Versammlungen der Gläubigen bestimmt.

Wenn sich also heute zwei oder drei Christen versammeln und dabei bekennen, dies im Namen Jesu Christi zu tun, so ist damit noch lange nicht garantiert, dass alles nach Seinem Willen und Wohlgefallen geschieht. Unsere Situation kann mit einem Dreieck oder einer Pyramide verglichen werden. Wir alle bekennen, dass Jesus Christus unser Herr ist und dass wir im Glauben mit Ihm verbunden sind. Im Bild lässt sich das darstellen, indem Jesus Christus die Spitze eines Dreiecks oder einer Pyramide bildet. Die zwei bzw. drei Christen bilden dann die Endpunkte der Grundlinie bzw. die Ecken der Grundfläche des Dreiecks bzw. der Pyramide. Kommen nun die einzelnen Christen dem Herrn näher, so verkleinert sich gleichzeitig auch ihr Abstand von einander. Der beste Weg zum Einssein wirklicher Christen ist deshalb eine engere Verbindung des einzelnen Gläubigen mit Seinem Herrn.

Der Weg zu Gottes Haus heute

Indem wir beginnen, Gottes Nähe mit allen Kräften zu suchen, tun wir Gottes Willen (5 M 6,5) und lieben IHN mit allen Kräften. Das Begraben des Kampfes für den eigenen Standpunkt entspricht dem Begraben der falschen Götter in 1 M 35,2-4 und ist eine Voraussetzung für wahre Anbetung. Eine weitere Voraussetzung finden wir in Heb.13,13. Vor einigen Generationen haben mutige Christen ihre religiösen Lager (christliche Denominationen) verlassen und dafür die Schmach Christi getragen. Heute findet in verschiedenen Ländern ein ähnlicher Prozess statt, indem ganze Gemeinden den biblischen Weg suchen und sich dabei nicht durch die Kritik anderer Gemeinden ihrer Tradition abschrecken lassen. Diese Umkehr zu einem Weg der Ausgewogenheit von Wahrheit und Liebe beobachte ich mit großer Freude und Dankbarkeit.

Wo Gotteskinder in dieser Herzenshaltung zusammenkommen, auch wenn es nur zwei oder drei sind, ist der HERR in uneingeschränkter Autorität in ihrer Mitte (Mt 18,20). Auf diese Weise können wir auch heute Gottes Haus finden. Ein guter Start auf diesem Weg zu Gottes Haus ist das Gebet Davids aus Psalm 139,23-24: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ein Weg des Abgottes bei mir ist, und leite mich auf dem ewigen Weg!"