Gottes Plan mit Israel
Hartmut Ising
Teil 1: Theologischer Antisemitismus
Gottes besonderer Heilsplan mit Israel wird in Rm.11, 25-29 beschrieben: Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird; und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: 'es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde. Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gott
Diese Frage beantwortete ein katholischer Theologieprofessor bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Katholikentages 1958 in Berlin mit Rm.11,29: die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar und brachte damit zum Ausdruck, dass Gott sein Volk Israel niemals verworfen und durch die Kirche ersetzt habe (Ersatz- oder Replacement-Theologie). Nach dieser kurzen und klaren Aussage des katholischen Theologen stand sein jüdischer Kollege, Pichas Lapide, auf und umarmte ihn.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts kam fast niemand auf die Idee, dass Israel in Gottes Heilsplan eine von der christlichen Gemeinde unabhängige Rolle spielen könnte. Als Beispiel sei ein Werk von Henry Finch genannt: “Die große Wiederherstellung der Welt” – Untertitel: “Die Berufung der Juden”. Dieses Buch wurde 1621 in London veröffentlicht. Finch war ein ausgezeichneter Kenner der hebräischen Sprache. Aufgrund seiner Bibelstudien sagte er die Gründung eines jüdischen Weltreiches mit Jerusalem als Hauptstadt voraus. Er ging dabei entsprechend dem allgemeinen Verständnis seiner Zeit davon aus, dass sich vorher die Juden zum christlichen Glauben bekehren würden. Die Vorstellung, dass sich auch der englische König der Vorherrschaft der Juden beugen sollte, ärgerte König Jakob I. so heftig, dass er Finch ins Gefängnis werfen ließ, bis dieser den Anstoß erregenden Teile seines Buches widerrufen hatte.
Für unser Thema der geschichtlichen Entwicklung des Verständnisses der Prophetie in der Christenheit ist es wichtig, dass viele Jahrhunderte lang jegliche heilsgeschichtliche Bedeutung Israels außerhalb des Christentums als undenkbar erschien.
Dieses Unverständnis für Israels Bedeutung in Gottes Heilsplan geht auf die Kirchenväter des 3. und 4. Jahrhunderts zurück und wurde seit Augustin allgemein gelehrt und geglaubt. Nach dieser Lehre sind Gottes Verheißungen für Israel auf Grund der Verwerfung des Messias vollständig und endgültig auf die Gemeinde übergegangen. Seit dieser Zeit wurden alle prophetischen Worte über Israels zukünftige Rolle in Gottes Heilsplan auf das "geistliche Israel", die Gemeinde oder "die Versammlung aus den Nationen" gedeutet. Mit dieser Lehre erlosch der prophetische Blick für ein wiedererstehendes Israel.
W. Kelly gibt hierzu folgenden Kommentar: “Die Kirchenväter erfanden das miserable System, das Israel und Juda aus der Prophetie des Alten Testaments verdrängte: Sie sahen in allem die Kirche. Ihre gelehrten Abhandlungen über den Antichristen und die große Trübsal sind daher wertlos…Beide (katholische und protestantische Theologen) judaisierten die Gemeinde, indem sie Israels wahre Hoffnung ausradierten (Bible Treasury, Vol.16, p.1542).
Mit dieser Lehre tastete aber die Christenheit nicht nur die Lebensgrundlage Israels an, sondern wurde selbst blind für das prophetische Wort in dem Sinne von Sach. 2,8:"...denn wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an."
Mit diesem Wort kann nicht nur Israel als Gottes Augapfel sondern auch der eigene Augapfel gemeint sein, was dann bedeutet, dass man selbst blind wird.
Die Auswirkung dieser als „Replacement-Theologie“ bezeichneten Lehre war für die Hoffnung in der Christenheit verheerend. Die lebendige und freudige Hoffnung der ersten Gemeinde wurde begraben unter Schutt und Trümmern, die diese falsche Lehre verursacht hatte. Das Nicänische Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 325 ist ein Zeugnis davon, dass zu dieser Zeit die freudige Hoffnung auf den wiederkommenden Herrn verloren gegangen war, der seine Gemeinde ins Vaterhaus im Himmel holen wird (Joh.14,2)
Trotz alledem lebten Einzelne in freudiger Hoffnung auf den Herrn. Diese Hoffnung bringt z.B. Rube (1665-1746) in seinem Lied, "Der Herr bricht ein um Mitternacht", mit den Worten zum Ausdruck: "Blick täglich auf Sein Kommen hin, als ob es heute wär".
Allerdings bedeutet das nicht, dass diese Gläubigen auch die heilsgeschichtliche Zukunft Israels richtig erkannt hätten. So war auch für Matthew Henry im 18. Jahrhundert eine von der Gemeinde unabhängige Zukunft Israels nicht denkbar. In seinem bekannten und ansonsten sehr guten “Kommentar zur ganzen Bibel” schreibt er zu Römer 11, 26: “... Nicht dass jemals ihr spezieller Bund wiederhergestellt würde und sie wieder ihr Priestertum, Tempel und Zeremonien wiederbekämen (all das ist beendet); aber sie sollen zum Glauben an Christus, den wahren Messias, gebracht werden, den sie gekreuzigt haben, und in die Christliche Kirche eingefügt werden...” (Commentary on the Whole Bible, ISBN: 0-943575-51-6, p 365).
Es gab aber auch damals Gläubige, die Gottes Wege mit Israel besser verstanden. Als Friedrich der Große im Siebenjährigen Krieg (1756-63) sehr niedergeschlagen war, versuchte sein gläubiger General von Ziehten, ihn mit einem Hinweis auf Gott zu trösten. Der König erwiderte: „Beweise er mir die Existenz Gottes – mit einem Wort!“ Ziethen antwortete: „Israel“, und fügte die Anrede „Sire“ hinzu
(www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/preussenjahr2001.htm).
Im 19. Jahrhundert begann sich die Blickrichtung grundsätzlich zu ändern. Ein Jesuit namens Manuel de Lacunza schrieb unter dem Namen Juan Josaphat Ben Ezra ein aufrüttelndes Buch: "Das Kommen des Messias in Macht und Herrlichkeit". Er untersuchte u.a. die Frage, ob das tausendjährige Friedensreich tatsächlich schon begonnen habe, wie es die katholische Kirche seit dem 4. Jahrhundert lehrte. Aus der Schrift wies er jedoch nach, dass der Messias vor dem Beginn des tausendjährigen Reiches in Macht und Herrlichkeit wiederkommen müsse und dass Israel eine von der Gemeinde unabhängige heilsgeschichtliche Zukunft habe. 1812 wurde sein Buch in spanischer Sprache veröffentlicht und danach von Edward Irving ins Englische übersetzt und veröffentlicht, (L.B. Seeley and Son, London 1827).
Dieses Buch wurde bei den Albury Park Konferenzen über Prophetie (1826-1830) auch Darby und seinen Freunden bekannt. Sie prüften Lacunzas Gedanken über das Kommen des Messias vor dem tausendjährigen Reich sowie Israels heilsgeschichtliche Zukunft an der Schrift und fanden beides bestätigt. Die Konsequenz dieser Entdeckung war klar: Da die Theologen seit Augustin, Israel und die Gemeinde in der Prophetie nicht unterschieden hatten, basierten ihre Auslegungen der Prophetie auf einem Irrtum. Daher musste das Verständnis der Prophetie vollständig neu erarbeitet werden. Dieser Aufgabe widmeten sich J.N. Darby und seine Brüder mit Energie und dem Erfolg, dass in den jungen Kreisen der Erweckungsbewegung die Freude über die wieder erlangte lebendige Hoffnung aufblühte. Hiervon zeugen viele Lieder aus dem vorigen Jahrhundert.
Denkgrundlagen des Amillennialismus
Das biblische Gottes- und Weltbild
Eine der Wurzeln der falschen Grundannahme, dass Israel keine heilsgeschichtliche Zukunft habe, ist ein falsches Gottes- und Weltbild. Nach dieser Lehre hat das 1000-jährige Friedensreich bereits mit der Geburt von Jesus Christus begonnen. Daher sei kein zukünftiges Friedensreich zu erwarten. Um diese falsche Grundannahme zu korrigieren, wollen wir uns das biblische Gottes- und Weltbild vergegenwärtigen.
Gott, der Schöpfer, ist unabhängig von seiner Schöpfung, von Zeit und Raum. Gott und sein Plan sind ewig:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott (Joh.1,1).

Abb.6:1, Das biblische Weltbild.
In Gottes Welt gibt es keine Veränderung. Darum wird vom Sohn gesagt:
der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht (Joh.1,18),
obwohl wir in V.14 lesen:
das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.
Aus diesen beiden Bibelstellen lernen wir, dass der Sohn unverändert in des Vaters Schoß ist und – für uns zeitliche Menschen unverständlich – parallel dazu in menschlicher Gestalt in unsere Welt kam.
Gott hat seinen Thron im Himmel zugerichtet (Ps.103,19), aber der Himmel Himmel können Gott nicht fassen (1.Kön.8,27). Der Himmel Himmel ist eine alttestamentliche Bezeichnung für die Ewigkeitswelt, die Gott nicht fassen kann, denn vor der Schöpfung von Zeit und Raum ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit (Ps.90,2).
Unabhängig von dieser zeitlosen Welt Gottes erscheint unser Herr Jesus Christus in der erschaffenen Ewigkeitswelt, der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein (Off.22,3). Diese Ewigkeitswelt hat der Sohn Gottes verlassen, um Mensch zu werden, und dahin kehrte er nach seiner Auferstehung zurück:
Ich bin von dem Vater ausgegangen und bin in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater (Joh.16,28).
In der Ewigkeitswelt gibt es Zeit, diese Zeit ist aber von unserer Zeit verschieden. Auch diese Zeit wurde am Anfang von Gott erschaffen, hat aber kein Ende.
Ein Beispiel für die Zeit in der Ewigkeitswelt ist die Beschreibung des schirmenden Cherubs, der bei seiner Erschaffung vollkommen war, zu einem späteren Zeitpunkt aber Unrecht beging: Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tag an, als du geschaffen wurdest, bis Unrecht an dir gefunden wurde (Hes.28,15).
Ein weiteres Beispiel für Zeit im Himmel ist Off.8,2:
als es (das Lamm) das siebte Siegel öffnete, entstand ein Schweigen in dem Himmel, etwa eine halbe Stunde.
Warum hat Gott neben der Ewigkeitswelt noch eine zeitliche Welt geschaffen?
Für ewige Geschöpfe gibt es keine Erlösung. Darum vertrieb Gott die Menschen aus dem Garten Eden, dass er nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe (1.Mo.3,22).
Nur zeitliche Geschöpfe können erlöst werden, denn er (Gott) nimmt sich fürwahr nicht der Engel an (Heb.2,16).
In unserer zeitlichen Welt gilt das Kausalitätsgesetz, die Ursache liegt prinzipiell zeitlich vor der Wirkung.
Nach der Replacement-Theologie hat Gott Israel, nachdem Jesus Christus abgelehnt und zum Tode verurteilt worden war, endgültig verworfen. Dieser Lehre liegt unser irdisches Zeitverständnis zugrunde. Im Gegensatz dazu kannte Gott von Ewigkeit her die gesamte Geschichte Israels und sagte trotzdem: Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir fortdauern lassen meine Güte. Ich will dich wieder bauen, und du wirst gebaut werden, Jungfrau Israel (Jer.31,3-4).
Das prophetische Zeugnis am Beispiel des Buches Daniel
Aus der biblischen Prophetie geht außerdem klar hervor, dass im messianischen Friedensreich Israel die herrschende Nation sein wird.
Tabelle 6:1 gibt einen Überblick über das Buch Daniel. Die Einleitung in Dan.1 ist in hebräischer Sprache geschrieben, die Kapitel 2 bis 7 dagegen in aramäischer Sprache. Aramäisch war z, Zt. von Daniel die Weltsprache, so wie heute Englisch. In diesen Kapiteln offenbart Gott die Zukunft der Weltreiche, die zuletzt vom messianischen Friedensreich abgelöst werden. Die Botschaft dieser Kapitel ist besonders für die Nationen wichtig.
Im Kapitel 2 wird gezeigt, dass am Ende des 4. Weltreiches Gott sein Reich aufrichten wird. Das geschieht plötzlich und gewaltsam und wird bildlich dargestellt durch einen Stein, der sich losriss ohne Hände und das Bild an seinen Füßen aus Eisen und Ton traf und sie zermalmte (Dan.2,34). Die Beschreibung wird im nächsten Vers fortgesetzt: Und der Stein, der das Bild geschlagen hatte, wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde.
Das ist die biblische Beschreibung des Beginns des 1000-jährigen Friedensreiches. Im Kapitel 7 wird uns dann mitgeteilt, welches Volk die Herrschaft in diesem Reich hat:
Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden (Dan.7,27).
Tab. 6:1 Überblick über das Buch Daniel

In Kapitel 9 wird erklärt, dass Daniels Bitte: lass dein Angesicht leuchten über dein verwüstetes Heiligtum (Dan.9,17) erst nach 70 x 7 Jahren erfüllt werden wird. Davon sind inzwischen bis zum Tod des Messias 69 x 7 Jahre vergangen. Danach wurde im Jahr 70 n.Chr. wie in Dan.9,26 angekündigt der Tempel zerstört.
Die letzten 7 Jahre liegen noch in der Zukunft. In der 2. Hälfte dieser letzten Jahrwoche Israels wird Satan dem „kommenden Fürsten“ zur Weltherrschaft verhelfen. Dann wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit (Dan.12,1).
Nach dieser intensivsten Drangsal wird erfüllt werden, was in Daniel 7 prophezeit wurde, V.13-14 & 27:
Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor ihn gebracht.
Und ihm (dem Sohn des Menschen) wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird.
Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen der höchsten (Örter) gegeben werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Herrschaften werden ihm dienen und gehorchen.
RASHI´s Kommentar zu Dan.7,13-14 ist sehr interessant:
Einer wie eines Menschen Sohn kam. Das ist der König Messiah…
Und ER gab ihm Herrschaft. Und diesem Mann gab ER Herrschaft über die Nationen…
Das 1000-jährige Friedensreich folgt auf die intensivste Drangsal aller Zeiten während der Herrschaft des „kleinen Horns“, dem letzten Herrscher der Endphase des 4. und letzten Weltreiches. Der Sohn des Menschen, Jesus Christus, ist mit seinem Volk Israel der ewige Herrscher dieses Friedensreiches.
Im Gegensatz dazu soll nach der „apokalyptisch optimistischen Sicht“ (Rede von Billy Graham bei der Welt-Evangelisations-Konferenz in Lausanne, 1974) das Christentum in der gesamten Welt so lange wachsen, bis Jesus Christus als König die Herrschaft übernimmt. Der Anfang seines Friedensreiches wird mit seinem ersten Kommen vor ca. 2000 Jahren gleichgesetzt.
Bei dieser Sicht ist die klare prophetische Ankündigung der furchtbaren Drangsal und der Kampf und Sieg des Königs der Könige über die Heere seiner Feinde (Dan.12,1 sowie Jes.63,1-6 und Off.19,11-21) unterdrückt worden.
Das Kommen unseres Herrn in Macht und Herrlichkeit ist im Alten und Neuen beschrieben und bildet daher den Referenzpunkt beim Vergleich der Prophetie in beiden Teilen der Bibel (vgl. mein Artikel: Grundzüge eines neuen Zeitschemas der Offenbarung).
Wenn Theologen heute die Ansicht vertreten, dass Mt.24 ein Abriss der prophetischen Ereignisse der christlichen Gemeinde sei, so ist das ein Relikt aus der falschen Lehre von Israels endgültiger Verwerfung. Wer dagegen diese Lehre als Irrtum erkannt hat, sollte auch konsequent alle daraus folgenden falschen Schlüsse verwerfen. Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern ist eine logisch zwingende Konsequenz.
Wir sollten heute über die prophetischen Schriften unter Berücksichtigung der jetzigen Weltlage neu nachdenken, gemäß dem Wort an Daniel:
Du aber, Daniel, verbirg diese Worte und versiegle das Buch bis auf die Zeit des Endes! Dann werden viele darin forschen, und das Verständnis wird zunehmen (Dan.12,4).
Bei konsequentem Studium der Prophetie mit dem Ziel, die prophetischen Worte für Israel von der Prophetie für die Gemeinde zu unterscheiden, werden wir heute an einigen Stellen zu anderen Schlüssen kommen als die Brüder vor 150 Jahren. Bei diesem neuen Studium der Prophetie wollen wir gemäß dem Wort des Apostel Paulus (1.Thess.5,21) verfahren:
Prüfet aber alles. Das Gute behaltet.
Wir wollen von den Arbeiten früherer Generationen zur Prophetie das Gute behalten und wenn wir abweichende Ansichten haben, diese biblisch begründen.
Im Folgenden wird die Endzeitrede unseres Herrn Jesus Christus in Mt.24-25 betrachtet. Viele Ausleger beziehen Teile davon auf Israel und andere Teile auf die Gemeinde. Ich möchte Argumente für die Sicht liefern, dass sich die prophetische Bedeutung dieser beiden Kapitel allein auf Israel bezieht.
Unser Herr Jesus Christus beantwortet die Fragen seiner Jünger in seiner Rede auf dem Ölberg nach zukünftigen Ereignissen. Im Matthäus-Evangelium geht er auf die Fragen ein: Was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Weltzeit sein? Die Antwort auf die Frage der Jünger nach Vorzeichen für die Zerstörung des Tempels finden wir in Lk.21.
In Mt.24 beschreibt unser Herr die Zukunft Israels einschließlich der furchtbaren Drangsal, die über Israel und alle an den wahren Gott glaubenden Menschen kommen wird, wenn der letzte falsche Messias seine Macht entfaltet. Jesus Christus zitiert in Mt.24,15-16 aus dem Buch Daniel (12,1):
Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht (wer es liest, der achte darauf!), dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist.
Diese Drangsal wird 3 ½ Jahre dauern und die intensivste Drangsal aller Zeiten sein. Danach wird der Menschensohn Jesus Christus mit Macht und Herrlichkeit wieder auf die Erde kommen, die Heere der Welt vernichten, die Jerusalem unter ihre Kontrolle bringen wollen (Sach.12 und 14) und vor dem Beginn des messianischen Friedensreiches die lebenden Menschen aus den Nationen richten:
Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet (Mt.25,31-32).
Teil 2: Gottes zweiteiliger Plan mit Israel
Gottes Plan mit Israel umfasst nach meinem Verständnis mehrere heilsgeschichtliche Phasen. Ein zentraler Bestandteil dieses Planes ist die Verheißung der Gabe des Geistes Gottes. Der Prophet Hesekiel beschreibt, wie Gott Israel ein neues Herz und einen neuen Geist geben wird. Das bis dahin geistlich tote Israel wird durch den Geist Gottes zum geistlichen Leben erweckt.
Geistliches Leben gab es auch vor Pfingsten. Die alttestamentlichen Gläubigen waren durch Glauben gerechtfertigt und kannten die Wirksamkeit des Geistes Gottes. Die bleibende Gabe des Heiligen Geistes wurde den Gläubigen jedoch erst zu Pfingsten gegeben. Unser Herr Jesus Christus war auch hierin der Erstling:
Joh. 1,32: „Ich schaute den Geist wie eine Taube aus dem Himmel herniederfahren, und er blieb auf ihm.“
Die Verheißungen Gottes an Israel müssen im Zusammenhang der fortschreitenden Heilsgeschichte verstanden werden.
Gott hatte Abraham eine zweifache Verheißung bezüglich seiner Nachkommenschaft gegeben: 1.Mo. 22,17: „Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR, dass … ich dich reichlich segnen und deine Nachkommen sehr mehren werde, wie die Sterne des Himmels und wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist.“
Ich verstehe die Sterne des Himmels als ein Bild für die himmlische Nachkommenschaft Abrahams und den Sand des Meeres als ein Bild für seine gläubige Nachkommenschaft auf der Erde.
Paulus schreibt von den Gläubigen:
Phil. 3,20: „Unser Bürgertum ist in den Himmeln.“
Diese Unterscheidung zwischen einer himmlischen und einer irdischen Seite der Verheißungen ist für das Verständnis des Planes Gottes von Bedeutung.
Die Gabe des Heiligen Geistes
Gott hat Israel den Empfang des Heiligen Geistes versprochen und zwar zu zwei verschiedenen Zeiten:
- Hes.11,19: Ich werde ihnen ein Herz geben und werde einen neuen Geist in euer Inneres geben. Und ich werde das steinerne Herz aus ihrem Fleisch wegnehmen und ihnen ein fleischernes Herz geben.
Dieses Versprechen erging an Israel während der Babylonischen Gefangenschaft und wird ab Pfingsten erfüllt.
- Hes.36,26: ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
Diese zweite Verheißung wird erst in der Zukunft erfüllt werden. Es ist das dritte prophetische Wort, das in Hes.37 genannt wird – nach der Öffnung der Gräber und der Entstehung eines noch leblosen Körpers. Die Erfüllung dieser Verheißung wird in Sach.12,10 beschrieben.
Bereits seit Pfingsten erfüllt sich die erste Verheißung des Heiligen Geistes an Menschen sowohl aus Israel als auch aus den Nationen, die durch den Glauben an Christus von neuem geboren worden sind. Darin sehe ich eine erste Phase der Erfüllung der Verheißungen über die Gabe des Geistes.
Die zweite Phase ist die zukünftige Errettung Israels, die der Prophet Sacharja beschreibt:
Sach. 12,10: „Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen.“
Diese Verheißung weist auf die zukünftige Buße Israels im Zusammenhang mit der sichtbaren Wiederkunft Jesu Christi hin.
Damit lassen sich im Zusammenhang der Gabe des Geistes zwei heilsgeschichtliche Erfüllungsphasen unterscheiden:
1. Phase: Seit Pfingsten empfangen Menschen aus Israel und aus den Nationen den Heiligen Geist und werden zu Gliedern des einen Leibes Christi.
2. Phase: Bei der zukünftigen Wiederkunft Christi wird der treue Überrest Israels den Messias erkennen, den sie verworfen haben, und den Geist der Gnade und des Flehens empfangen.
Diese beiden Phasen dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Die gegenwärtige Gemeinde und die zukünftige Errettung Israels sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Die Bedeutung von Römer 11,25–29
Das Geheimnis von Gottes Plan mit Israel wird von Paulus in Römer 11 beschrieben:
Röm. 11,25–27: „Ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: ‚Aus Zion wird der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.‘“
Paulus beschreibt hier eine heilsgeschichtliche Abfolge:
Verhärtung Israels → Vollzahl der Nationen → Errettung Israels.
Die gegenwärtige Verhärtung Israels ist deshalb nicht das endgültige Urteil Gottes über sein Volk. Sie hat vielmehr eine zeitliche Begrenzung.
Ich verstehe die „Vollzahl der Nationen“ als den Abschluss der gegenwärtigen Berufungszeit der Gemeinde. Wenn diese Vollzahl erreicht ist, die Entrückung der Gemeinde statt.
Danach wird „ganz Israel“ errettet werden. Unter „ganz Israel“ verstehe ich nicht jeden einzelnen Angehörigen des jüdischen Volkes unabhängig von seinem persönlichen Glauben. Gemeint ist vielmehr die Gesamtheit des zukünftigen gläubigen Überrestes Israels, durch den Gott seine Verheißungen an Israel erfüllen wird.
Diese Auslegung entspricht auch dem Zusammenhang von Römer 11. Paulus unterscheidet zwischen dem verhärteten Teil Israels und dem Überrest nach der Gnadenwahl.
Röm. 11,5: „So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade.“
Die zukünftige Errettung Israels ist deshalb nicht die Errettung eines Volkes unabhängig vom Glauben an Christus. Sie ist die Errettung des Volkes durch die Hinwendung zu seinem Messias.
Die abschließenden Worte des Apostels sind dabei von grundlegender Bedeutung:
Röm. 11,28–29: „Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.“
Damit wird die bleibende Bedeutung der Berufung Israels bestätigt. Gott hat sein Volk niemals endgültig verworfen.
Das Bild des Ölbaums
Unser heutiges Verständnis von „Israel“ bezeichnet meistens das noch ungläubige Volk Israel. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass die Versammlung und Israel keinerlei Beziehung zueinander hätten.
Paulus verwendet in Römer 11 jedoch eine differenziertere Betrachtungsweise.
Röm. 11,1: „Ich sage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit aus dem Geschlecht Abrahams, vom Stamm Benjamin.“
Und:
Röm. 11,5: „So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade.“
Paulus unterscheidet somit zwischen dem ungläubigen Teil Israels und dem gläubigen Überrest. Zu diesem jetzigen Überrest gehörten Paulus selbst und die ersten Gläubigen in Jerusalem.
Anschließend beschreibt Paulus die Stellung der Gläubigen aus den Nationen:
Röm. 11,16–18: „Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen worden sind, du aber, der du ein wilder Ölbaum warst, unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums teilhaftig geworden bist, so rühme dich nicht gegen die Zweige. Wenn du dich aber gegen sie rühmst – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich.“
Die Gläubigen aus den Nationen werden also nicht zu einem völlig unabhängigen Volk Gottes. Sie werden in den bereits bestehenden Ölbaum eingepfropft und erhalten Anteil an dessen geistlichen Segnungen.
Arnold Fruchtenbaum erklärt den Ölbaum nicht als unmittelbares Bild für Israel oder die Gemeinde, sondern als Bild für den Ort geistlicher Segnungen. Die Wurzel dieses Segensortes sieht er im Bund mit Abraham. Die Gläubigen aus den Nationen werden durch den Glauben Teilhaber an den darin enthaltenen geistlichen Segnungen.
Diese Sicht steht in enger Beziehung zu Epheser 2 und 3.
Die Gläubigen aus den Nationen waren früher:
Eph. 2,12-15: „entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt.“
Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe.
Der größere Teil des Tempelplatz bildete den „Vorhof der Nationen“. An der Grenze zum heiligen Bereich waren Warntafeln angebracht, die Nichtjuden beim Übertreten mit dem Tode bedrohten. Als Paulus den Epheser-Brief schrieb, war im Tempel in Jerusalem die Scheidewand noch vorhanden.


Bild 6:2, links: Grundriss des zweiten Tempels in Jerusalem. Rechts: An der Balustrade, die die Vorhöfe für Juden und Nationen trennte, standen Tafeln mit griechischer Aufschrift: Kein Andersbürtiger [darf] eintreten in das um das Heiligtum gehende Gitter und Gehege! Wer dabei ergriffen wird, wird sich selbst die Folge zuschreiben müssen, den Tod.
Weil durch Jesus Christus die Zwischenwand abgebrochen ist, folgt:
Eph. 2,19: „Also seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“
Die Gläubigen aus den Nationen sind deshalb nicht mehr Fremdlinge gegenüber den Verheißungen Gottes.
Paulus beschreibt das Geheimnis folgendermaßen:
Eph. 3,6: „dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.“
Damit ist eine wichtige Wahrheit verbunden:
Die Gläubigen aus den Nationen sind durch Christus mit dem gläubigen Überrest Israels zu einer neuen Einheit verbunden und haben Anteil an den geistlichen Segnungen der Verheißungen.
Die Versammlung ist mit dem gläubigen Überrest Israels zu dem einen neuen Menschen in Christus vereinigt. Die Gläubigen aus den Nationen sind in diesen geistlichen Segen eingepfropft und dadurch Mitbürger der Heiligen und Mitteilhaber der Verheißungen geworden. Gottes besondere Berufung Israels bleibt jedoch bestehen.
Wer ist die Braut des Lammes?
Die Frage nach der Braut des Lammes führt zu einer weiteren Verbindung zwischen Israel und der Gemeinde.
Hosea beschreibt die zukünftige Wiederherstellung Israels mit dem Bild einer Ehe:
Hos. 2,21–22: „Ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Gericht und in Güte und in Barmherzigkeit, und ich will dich mir verloben in Treue; und du wirst den HERRN erkennen.“
Im unmittelbaren Zusammenhang ist die Frau Israel. Gott verheißt Israel eine zukünftige Wiederherstellung und eine ewige Verbindung in Treue.
Im Neuen Testament wird jedoch auch die Gemeinde mit der Brautmetaphorik verbunden:
2.Kor. 11,2: „Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen.“
Die Brautmetaphorik kann deshalb nicht einfach ausschließlich Israel oder ausschließlich der Gemeinde zugeordnet werden.
Eine wichtige Ergänzung finden wir in Offenbarung 21.
Johannes schreibt:
Offb. 21,9: „Komm her, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes, zeigen.“
Daraufhin sieht er die Heilige Stadt Jerusalem. An ihren zwölf Toren stehen die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels, und ihre zwölf Grundsteine tragen die Namen der zwölf Apostel des Lammes.
Diese Darstellung ist für die Frage nach der Braut besonders bedeutsam.
Die zwölf Stämme Israels sind in der vollendeten Gestalt der Braut ebenso gegenwärtig wie die zwölf Apostel des Lammes.
Die endgültige Braut wird daher nicht als eine Aufhebung Israels zugunsten der Gemeinde dargestellt. Ebenso wenig wird die Gemeinde aus der endgültigen Darstellung der Braut ausgeschlossen. Vielmehr wird die von Gott vollendete Einheit seines Erlösungswerkes sichtbar. Damit wird weder Israel durch die Gemeinde ersetzt, noch wird die Gemeinde von Israel heilsgeschichtlich isoliert.
Die prophetische Bedeutung von Matthäus 25
Nach seinen Ausführungen in Kapitel 24 erklärt der Herr weitere Einzelheiten über die kommende Zeit in Form von Gleichnissen und beginnt mit dem Wort „dann“:
Mt. 25,1: „Dann wird das Himmelreich zehn Jungfrauen gleich sein, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.“
Das Wort „dann“ verbindet das Gleichnis mit der zuvor beschriebenen Zeit der Wiederkunft Christi. Ich verstehe die prophetische Bedeutung von Matthäus 25 deshalb im Zusammenhang mit der Endzeit, der Wiederkunft des Messias und dem Kommen seines Reiches.
Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen
Auffällig ist, dass Jesus von zehn Jungfrauen und einem Bräutigam spricht, die Braut selbst aber nicht erwähnt wird.
Dies lässt sich vor dem Hintergrund der damaligen orientalischen Hochzeit verstehen. Die Hochzeit bestand im Wesentlichen aus zwei Phasen. Die Braut wurde zunächst zum Haus des Bräutigams gebracht. Danach fand die eigentliche Hochzeitsfeier statt.
Wenn dieser historische Hintergrund auf das Gleichnis angewandt wird, könnte die Abwesenheit der Braut darauf hinweisen, dass sie sich bereits beim Bräutigam befindet, während die Brautjungfrauen auf dessen Ankunft warten.
Alle zehn Jungfrauen warten auf den Bräutigam. Alle besitzen Lampen. Nur fünf haben Öl bei sich. Als der Bräutigam sich verspätet, schlafen alle ein. Der entscheidende Augenblick kommt mit dem Ruf:
Mt. 25,6: „Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen!“
Die klugen Jungfrauen sind vorbereitet. Die törichten dagegen haben kein Öl.
Ich verstehe die zehn Jungfrauen als ein Bild für Menschen aus Israel, die in der Endzeit auf die Ankunft des König-Messias warten. Die klugen Jungfrauen stellen m.E. dabei verborgene Jünger von Jesus Christus dar wie Joseph von Arimathia (Joh.19,38). Das Öl wird häufig als Bild für den Heiligen Geist verstanden. Eine solche typologische Deutung ist mit dem biblischen Gesamtzeugnis vereinbar, wird aber vom Gleichnis selbst nicht ausdrücklich erklärt.
Eine mögliche Parallele sehe ich zu den 144.000 Versiegelten aus Offenbarung 7. Auch sie gehören zu den Stämmen Israels und werden vor dem kommenden Gericht Gottes versiegelt. M.E. ist diese Versiegelung der Empfang des Heiligen Geistes.
Die Bibel sagt allerdings nicht ausdrücklich, dass die 144.000 mit den fünf klugen Jungfrauen identisch sind. Deshalb möchte ich diese Verbindung als mögliche heilsgeschichtliche Entsprechung verstehen, nicht als gesicherte Exegese.
Die klugen Jungfrauen dürfen an der Hochzeit des Lammes (Off.19,7) teilnehmen.
Die törichten Jungfrauen
Der Herr sagt zu ihnen:
Mt. 25,12: „Ich kenne euch nicht.“
Dieser Satz enthält eine ernste Warnung vor einer nicht ausreichenden Vorbereitung auf das Kommen Christi.
M.E. könnte diese Gruppe den zukünftigen treuen Überrest Israels darstellen. Diese alttestamentlich Gläubigen erkennen ihren Messias erst, als sie ihn sehen und dann in Buße umkehren und den Heiligen Geist empfangen (Sach.12,10). An der Hochzeitsfeier des Lammes dürfen sie nicht teilnehmen.
Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten
Nach dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen spricht der Herr über die anvertrauten Talente:
Mt. 25,14–15: „Denn es ist wie bei einem Menschen, der verreisen wollte, seine Knechte rief und ihnen seine Güter übergab; dem einen gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, einem jeden nach seiner Kraft, und reiste ab.“
Was bedeuten die anvertrauten Talente?
Paulus fragt:
Röm. 3,1–2: „Was ist nun der Vorzug des Juden oder was der Nutzen der Beschneidung? Viel in jeder Hinsicht. Denn zuerst sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden.“
Ich sehe deshalb in den Talenten eine mögliche Beziehung zu dem besonderen Auftrag und der Verantwortung, die Israel von Gott empfangen hat.
Die prophetische Bedeutung des Gleichnisses kann darin gesehen werden, dass der Messias bei seiner Wiederkunft diejenigen richtet, denen Gott Verantwortung übertragen hat.
Die beiden treuen Knechte bringen Frucht und werden anerkannt. Der dritte Knecht dagegen vergräbt das ihm anvertraute Gut und bringt keine Frucht.
Damit wird ein Grundsatz des göttlichen Gerichtes deutlich: Nicht außergewöhnliche Gaben sind entscheidend, sondern die Frucht des Lebens.
Jesus sagt:
Mt. 7,20–21: „Darum werdet ihr sie an ihren Früchten erkennen. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“
Diese Warnung gilt unabhängig davon, welche außergewöhnlichen Gaben ein Mensch besitzt.
Das Gericht über die lebenden Nationen
Am Ende der Rede beschreibt Jesus das Gericht über die lebenden Menschen aus den Nationen:
Mt. 25,31–34: „Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen … Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“
Dieses Gericht findet nach meinem Verständnis bei der sichtbaren Wiederkunft Christi statt. Die Menschen aus den Nationen werden danach beurteilt, wie sie während der großen Drangsal mit den „geringsten Brüdern“ des Herrn umgegangen sind.
Der Herr sagt:
Mt. 25,40: „Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan.“
Ich verstehe diese „Brüder“ im Zusammenhang der Endzeitrede als den treuen Überrest Israels, der inzwischen den Heiligen Geist empfangen haben. Sie stehen daher nicht mit den anderen Überlebenden vor dem Gericht. Ich betrachte sie als eine besondere Gruppe, auf die der Herr hinweist mit den Worten: „Diese meine geringsten Brüder.“
Das Verhalten der Nationen gegenüber diesen Menschen während der Drangsal (Dan.12,1 und Mt.24,15) wird beim Gericht ausschlaggebend sein.
Die Gerechten werden in das messianische Reich eingehen:
Mt. 25,34: „Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“
Dieses Reich ist das messianische Friedensreich, dessen Kommen bereits durch die alttestamentlichen Propheten angekündigt wurde.
Die Ungerechten dagegen werden vom Reich ausgeschlossen:
Mt. 25,41: „Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“
Schlussfolgerungen
Die Rede unseres Herrn Jesus Christus in Matthäus 24–25 lässt sich nach meinem Verständnis als ein wichtiger Bestandteil von Gottes Plan mit Israel und den Nationen verstehen. Dabei möchte ich drei heilsgeschichtliche Gruppen beziehungsweise Phasen unterscheiden:
1. Die gegenwärtige Brautgemeinde
Die an Jesus Christus gläubigen Menschen aus Israel gehören zur Versammlung. Die Gläubigen aus den Nationen sind durch den Glauben in diese Einheit aufgenommen worden. Juden und Nationen bilden in Christus den „neuen Menschen“. Die Gemeinde ersetzt deshalb Israel nicht; sie ist vielmehr mit dem gläubigen Überrest Israels zu einer neuen Einheit verbunden.
2. Die zukünftige Errettung des Überrestes Israels
Nach der Vollzahl der Nationen wird Gott seinen zukünftigen Plan mit Israel vollenden. Der treue Überrest wird den wiederkommenden Messias erkennen:
Sach. 12,10: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen.“
Damit wird die Verheißung von Römer 11 erfüllt:
„Und so wird ganz Israel errettet werden.“
„Ganz Israel“ verstehe ich dabei als die Gesamtheit des zukünftigen gläubigen Überrestes.
So ergibt sich ein zusammenhängendes Bild:
Gott hat Israel nicht verworfen. Die Gemeinde hat Israel nicht ersetzt.
Die Gläubigen aus den Nationen sind durch Christus in den geistlichen Segen der Verheißungen eingepfropft worden.
Juden und Nationen sind in Christus zu einem neuen Menschen verbunden. Und dennoch bleibt Gottes besondere Berufung Israels bestehen.
Die endgültige Erfüllung dieser Heilsgeschichte wird in der Offenbarung sichtbar, wenn die Braut des Lammes in der Gestalt des neuen Jerusalem erscheint. An ihren Toren stehen die Namen der zwölf Stämme Israels, an ihren Grundsteinen die Namen der zwölf Apostel des Lammes.
Damit wird am Ende der Heilsgeschichte sichtbar, was Paulus bereits in Epheser 3 als Geheimnis bezeichnet:
Die aus den Nationen sind Miterben, Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.
Gottes Plan besteht daher weder in einer Ersetzung Israels durch die Gemeinde noch in einer vollständigen Trennung von Israel und Gemeinde. Sein Ziel ist die Vollendung seines Erlösungswerkes in Christus, in dem die Erlösten aus Israel und aus den Nationen zu einer Einheit zusammengeführt werden, während Gottes Berufung Israels bestehen bleibt.
Die Rede unseres Herrn Jesus Christus in Mt.24-25 enthält m.E. Gottes zweifachen Plan für Israel:
1) Die Brautgemeinde ist der an Jesus Christus gläubige Teil von Israel, zu dem Gott die Glaubenskinder Abrahams aus den Nationen hinzugefügt hat. Vor dem Beginn des Tages von Gottes Zorn wird die Braut in die Wohnung entrückt, die unser Herr Jesus Christus bereitet hat (Joh.14,2-3). Das entspricht der ersten Phase der alten, orientalischen Hochzeit. Das Gleichnis von den zehn Brautjungfrauen beginnt mit den Vorbereitungen der zweiten Phase der Hochzeit. Sie entsprechen den Sternen des Himmels in Gottes Verheißung an Abraham (1.Mo.22,17).
2) Die fünf törichten Jungfrauen dürfen nicht an der Hochzeit teilnehmen. Sie haben noch einen Auftrag vor der sichtbaren Wiederkunft von Jesus Christus: Sie werden den 3.Tempel reinigen und den Opferdienst wiederbeginnen (vgl. meinen Artikel: Die Zukunft des Tempels in Jerusalem) – wie die treuen Juden mit Judas Makkabäus im Jahr 165 v.Chr. Nach der Wiederkunft des Messias werden sie im 1000-jährigen Friedensreich auf dieser Erde leben und Kinder haben. Sie entsprechen dem Sand am Meer in der oben genannten Verheißung.